„Gib niemals auf!“

Interview mit Dr. Ferdaous Adda

  • Können Sie sich bitte kurz vorstellen und ein paar Worte zu Ihrer Person sagen?

Ich bin 42 Jahre alt und Mutter einer sechsjährigen Tochter. Ich bin in zwei Ländern aufgewachsen. Ich bin in Deutschland geboren, in Offenbach am Main. Mit fünf Jahren bin ich nach Marokko ausgewandert, in das Land meiner Eltern. Dort habe ich etwa zehn Jahre gelebt. Als Teenager bin ich nach Deutschland zurückgekehrt. Was meine berufliche Ausbildung betrifft, bin ich Kulturanthropologin.

  • Wie war es für Sie, nach 10 Jahren in Marokko nach Deutschland zurückzukehren?

Ich war ungefähr 15 Jahre alt, als ich mit meiner Familie zurückkam. Wir haben damals nördlich von Frankfurt in Kronberg gewohnt. Es war nicht einfach für mich, muss ich sagen. Einerseits hatte ich mich gefreut, wieder nach Deutschland zu kommen, andererseits hatte ich alle meine Freunde, einen Großteil meiner Familie und meine Großeltern in Marokko zurückgelassen. Das war zugleich Schmerz und Freude für mich. Als ich dann in Deutschland war, musste ich mich erst einmal in der Schule zurechtfinden. Ich konnte kein Deutsch mehr und sprach Französisch und Darija, den marokkanischen arabischen Dialekt. Es war ein bisschen schwierig, mich in meinem neuen Lebensumfeld einzufinden, weil ich mich fremd gefühlt habe. Ich erinnere mich, dass mein Vater meiner Schwester und mir Fahrräder gekauft hat. Und in den Ferien, wenn die anderen Kinder in den Urlaub fuhren, sind wir immer mit den Fahrrädern 5 km zur nächsten Bücherei gefahren, um uns Bücher zu holen und so Deutsch zu lernen und zu verbessern. Bücher haben mir sehr geholfen, mich besser einzufinden. Ich habe gerne Geschichtsbücher gelesen, um mehr über Deutschland zu erfahren. Ich erinnere mich, dass ich für jedes zweite Wort im Wörterbuch nachschlagen musste (lacht).

  • Was hat Sie dazu bewogen, sich für Ihren Beruf zu entscheiden?

Ich wollte immer bildende Kunst studieren. Ich habe als Kind und als Jugendliche leidenschaftlich gerne gemalt und immer irgendwas mit meinen Händen gemacht. Die Vorstellung davon, wie man mit verschiedenen Farben spielen und verschiedene Ideen auf Papier bringen kann, hat mich immer fasziniert.

  • Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie ihnen erzählt haben, dass Sie Kunst studieren wollen?

Als ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich studieren möchte, konnten sie mir leider nicht sagen, was ich machen soll muss. Sie hatten zwar schon eine Ausbildung in Marokko absolviert, aber sie hatten keine Berührungspunkte mit dem Universitätsstudium in Deutschland. Auf der anderen Seite war es für sie sehr wichtig, dass ich eine Ausbildung mache und auf eigenen Füßen stehe. Deshalb begann ich eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten in einer Anwaltskanzlei, die ich aber nur ein Jahr lang gemacht habe. Obwohl ich die Ausbildung nicht abgeschlossen habe, habe ich dort viel gelernt, z.B. Arbeitsabläufe, wie man einen Computer benutzt, wie man Gesetze nachschlägt und wie die Arbeitswelt aussieht. Während dieser Zeit habe ich mich erkundigt, wie man sich an einer Universität einschreiben kann. Ich habe mich dann an der Universität Marburg für Kulturanthropologie eingeschrieben. Ich hatte Ethnologie als Hauptfach und Rechtswissenschaften und Romanistik als Nebenfächer.

  • Was genau ist die Arbeit einer Kulturanthropologin bzw. eines Kulturanthropologen?

Ich kann viele verschiedene Sachen als Kulturanthropologin machen. Die Ethnologie an sich beschäftigt sich mit Menschen und ihren Wahrnehmungen von der Welt und ihren verschiedenen Ausdrucksweisen, also ihren Kulturen. Dementsprechend ist das sehr umfassend, was so ein Fach anbietet. Es ist nicht sehr spezialisiert. Man kann natürlich damit wissenschaftlich arbeiten, aber man kann auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen wie zum Beispiel in kulturellen Bereichen, im Tourismus oder in der Politik. Es kommt immer darauf an, was man noch mitbringt. Ich persönlich wollte promovieren, weil ich über das Thema des Geschichteerzählens in Marokko gerne forschen wollte.

  • Haben Sie Personen als Vorbilder, die für Sie eine Quelle der Inspiration waren?

Es gibt einige. Tina Turner (lacht). Als ich sie zum ersten Mal im Fernsehen sah, war ich sofort fasziniert von der Kraft, die sie ausstrahlte. Es gibt auch marokkanische Akademikerinnen wie die Soziologin und Feministin Fatima Mernissi, die mich geprägt haben. Nicht zu vergessen die Frauen in meiner Familie, die starke Persönlichkeiten sind, wie meine Großmutter oder meine Mutter. Es gibt auch Frauen, mit denen ich hier in Bremen Kontakt habe, die auch eine Inspiration für mich sind. Da würde ich zum Beispiel Virginie Kamche nennen, die eine sehr starke Frau ist.

  • Hatten Sie als Frau und auf Grund Ihrer Herkunft Erfahrungen mit Ablehnung?

Ja, natürlich. Es kommt auch heute noch vor, dass ich nicht ernst genommen oder unterschätzt werde. Es gibt auch Versuche der Bevormundung von Seiten einiger Leute. Zum Glück habe ich auch Menschen angetroffen, die mich unterstützt haben. Und deshalb habe ich mich immer auf die positiven Erfahrungen fokussiert.

  • Wie und woher haben Sie die Motivation und die Kraft genommen, trotz der Schwierigkeiten weiterzumachen?

Für mich waren Schwierigkeiten immer Herausforderungen, aus denen ich gestärkt herausgekommen bin. Es ist auch wichtig für mich, meine Gefühle auszudrücken und auch zu weinen, wenn es nötig ist. Ich höre auch viel Musik. Das gibt mir viel Kraft und hilft mir, mich auf mich selbst zu fokussieren. Im Moment tut mir die Musik der britischen Rapperin Little Simz besonders gut. Sampa the great ist eine sambische Sängerin, Rapperin und Songwriterin, die ich auch sehr mag. Außerdem hilft es mir, gut und lange zu schlafen. Ich mache auch Sport, vor allem Karate.

  • Haben Sie ein bestimmtes Buch, eine Zeitschrift, einen Podcast, ein Tool oder eine Technik, die Sie lieben und mit uns teilen können?

Ich würde „Why We Mattervon Dr. Emilia Roig empfehlen. Ein anderes Buch, das ich gerade lese, ist „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ von Mohammed Mbougar Sarr, dass ich sehr interessant finde.

  • Welche Botschaft würden Sie der jungen Frau, die Sie vor einigen Jahren waren, mit auf den Weg geben, wenn Sie sie heute treffen würden?

Ich würde ihr sagen, dass ich stolz auf sie bin. Sie soll niemals aufgeben. Wenn man Ziele erreichen will, muss man wissen, dass es verschiedene Wege gibt, diese Ziele zu erreichen. Man muss den Mut haben, unterschiedliche Routen auszuprobieren und sich vor allem nicht entmutigen lassen, wenn der Weg schwierig ist.

Am Tag 2 unserer Kampagne in Bremen, stellen wir Ihnen Dr. Ferdaouss Adda vor: